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Nicht mehr schweigen, nicht mehr warten

Sicherheitshinweise und ihre Folgen – ein Workshop-Bericht von der CMERK von Anthea Bethge

„Lessons in safety for churches“, so war ein Workshop auf der CMERK angekündigt. Es solle um den Umgang mit Diskriminierung und Gewalt in Kirchen und Gemeinden gehen. Erwarten wir, dass wir Betroffene unter uns haben? Sind wir vorbereitet, in dieser Situation hilfreich einzugreifen? Was kann sogar verhindert werden, wenn man Schutzkonzepte entwickeln und anwenden würde? Die Teilnehmenden sollen mit praktischen Informationen nach Hause gehen. Sie sollen gestärkt werden, in ihrem Umfeld Schutzmaßnahmen umzusetzen. Soweit die Ankündigung im Programmheft.

Doch es kam anders als geplant. Zuerst erschien die Referentin nicht. Wir warteten ein paar Minuten. Dann entschieden sich einige für andere Workshops. Doch zwölf Personen aus fünf Ländern blieben, weil ihre Herzen voll waren von diesem Thema. Wir vereinbarten eine Austauschrunde und setzten uns in einen Kreis. Was dann passierte war für mich ein unerwarteter Segen.

In der Vorstellungsrunde schon haben wir Erfahrungen mit Gewalt (außerhalb und innerhalb von Gemeinden) geteilt und Wege der Prävention und Heilung miteinander erkundet. Wir haben auch den Widerstand thematisiert, der uns entgegenschwappt. Das war sehr traurig – und sehr ermutigend zugleich, denn es gibt viel mennonitisches Engagement, das mich inspiriert hat.

Einige teilten die Sorge, ob wir genug Aufmerksamkeit darauf legen, dass sich die Kinder in unseren Gemeinden sicher fühlen und Gewalterfahrungen gegenüber einer Vertrauensperson ansprechen können. Und wie geht es uns Erwachsenen damit? Hören wir die Worte „Gewalt“ und „Vergewaltigung“ in unseren Gottesdiensten – oder werden die Worte und ein Nachdenken darüber verbannt?

Eine Familientherapeutin unter uns berichtete aus ihrer beruflichen Praxis, wie schwer es für Menschen mit Gewalterfahrung ist, sich anderen Menschen anzuvertrauen. Manchmal dauert es Jahrzehnte. Was für eine Leidenszeit! In einer Mennonitengemeinde, in der viele Menschen miteinander verwandt sind, kann das Aussprechen von Gewalterfahrungen besonders schwierig sein. Wer glaubt schon, dass der nette Onkel oder die liebe Tante übergriffig sein könnte? Selbst-Exkommunikation ist häufig der einzige offene Weg für betroffene Erwachsene.

Da plötzlich ging unser Blick auf die CMERK. Zwar waren Vertrauenspersonen im Programmheft angekündigt worden, denn das Wohlbefinden aller sei ein Anliegen der CMERK.  Doch wir erfuhren niemals, wer diese Vertrauenspersonen waren. Unser Workshop formulierte den Wunsch, dass die Vertrauenspersonen beim Plenum auf die Bühne kämen und sich vorstellten. Wir trugen den Wunsch an die Veranstaltungsleitung, aber er wurde nicht erfüllt. Es wurde im nächsten Plenum nur gesagt, was auch im Programmheft steht: Man solle sich bei Bedarf bei der Rezeption melden. Ich habe Tränen gesehen auf der CMERK. Es gab sehr schwere Themen. Schade, dass das hilfreiche Konzept der Vertrauensperson mit diesem Zugangs-Hindernis ziemlich unbrauchbar gemacht wurde. 

In Frankreich wurde ein mennonitischer Verhaltenskodex entwickelt. Das war ein langer Prozess mit großer Beteiligung. Alle Personen in Leitungspositionen sollen ihn unterschreiben. Dabei ist allen bewusst, dass ein Verhaltenskodex nur so gut ist wie die Reaktion auf Fehlverhalten. Doch das Thematisieren von internen Gewalterfahrungen allein schon hat eine Wirkung. Es macht den Betroffenen Mut und macht den potentiellen Täter:innen deutlich, dass sie nicht mehr mit Schweigen, Vertuschen und Straffreiheit rechnen können.  Anderswo wurde entschieden, dass Arbeitszeugnisse gewaltsames Verhalten explizit benennen. Es soll so verhindert werden, dass kirchliche Mitarbeitende von einer Gemeinde zur anderen wechseln und immer neue Gelegenheit zu Übergriffen finden.

Zuletzt kamen wir noch auf ein typisches Risiko in christlichen Gemeinschaften zu sprechen: das Klima des „frommen Drucks“ auf Verletzte, dass sie vergeben sollen. Da zeigte uns eine Workshop-Teilnehmerin, dass dieser Druck auch in einem Lied im CMERK-Songbook wiederholt wurde. Auch hier beschlossen wir, als Workshop bei der Versammlungsleitung zu intervenieren, dass dieser Vers nicht gesungen würde. Diesmal waren wir erfolgreich. Das Lied wurde wie geplant beim Abendmahlgottesdienst gesungen, aber dank unserer Intervention nicht die betreffende Strophe.

Ich bin froh, dass wir in diesem Workshop Verantwortung übernommen haben und ohne Zögern ins Handeln gekommen sind. Nicht mehr schweigen, nicht mehr warten – das ist die Ermutigung, die ich aus dem Workshop mitgenommen habe.

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