Deutscher Pass

Dann werden wir weiterziehen

Kriegsdienstverweigerung aus migrantischer Perspektive

von Anthea Bethge

„Ich bin sehr froh, dass ich endlich einen deutschen Pass habe. Meine Flucht ist zu Ende.“ Ahmed* (Namen geändert) fühlt sich endlich sicher. Er ist in Deutschland als Fachkraft gut integriert. Es könnte die Zeit gekommen sein, vorsichtig an der Heilung seiner Gewalterinnerungen zu arbeiten. Doch dann reißt er die Augen auf und erläutert mir mit Druck in der Stimme: „Aber wenn die Wehrpflicht kommt, dann werde ich mit meinen Söhnen weiterziehen. Ich bin im Krieg aufgewachsen und weiß, was Krieg bedeutet. Ich werde mich nicht daran beteiligen, und ich werde nicht zulassen, dass meine Söhne sich daran beteiligen müssen. Die Männer, die in Deutschland aufgewachsen sind, kennen Krieg nicht. Sie glauben, dass Krieg gerechtfertigt sein kann. Das ist naiv, denn sie rechnen nicht mit der grausamen Realität eines Krieges! Schon einmal sind wir geflohen. Wir werden weiterziehen.“ Ich führe in letzter Zeit immer wieder Gespräche mit Migranten über den neuen Wehrdienst und die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung laut Grundgesetz. Doch keines hat sich in mein Gedächtnis gebrannt wie dieses mit Ahmed.

Als ich Murat* davon erzählte, dass ich eine Fortbildung zur KDV-Beraterin mache und auch ihn und seinen Cousin, die gerade erst Deutsche wurden, durch ein KDV-Verfahren begleiten würde, war er interessiert. Es gefällt ihm, dass seine neue Heimat das Recht auf Kriegsdienstverweigerung im Grundgesetz schützt. Aber anders als junge Leute, die in Deutschland sozialisiert wurden, vertraut er nicht darauf. Warum nicht? Vom Grundgesetz geschützt ist auch das Recht auf Asyl. Und dennoch wurden Freunde von ihm, die ihren Asylantrag nicht gut begründet hatten, abgewiesen. „Es ist schwer als Fremder für seine Rechte zu kämpfen, auch wenn man eingebürgert wurde.“ Murat befürchtet, dass das Bundesamt, das den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung prüft, kaum Verständnis für die Schicksale von Geflüchteten haben wird. Noch gibt es in der Tat keine Erfahrung mit den neuen Mitarbeitenden des BafzA, die gerade erst eingestellt wurden für die erwartete Antragswelle. Ich kann Murat noch nicht beruhigen.

Abdulkarim* hat noch eine ganz andere Befürchtung: „Ich soll im Antrag auf KDV ausführlich darlegen, was mein Gewissen geformt hat, warum ich nicht töten will. Da kommen Bilder von Anschlägen und aufgebahrten Toten in mein Gedächtnis. Die Schreie der Sterbenden verfolgen mich nachts.“ Ich lese im Wehrpflichtgesetz, dass Wehrpflichtige, deren Vater oder Mutter, Schwester oder Bruder im Wehr- oder Zivildienst umgekommen ist, vom Wehrdienst befreit sind. Gilt das auch für Geflüchtete, deren Familienangehörige im Krieg umgekommen sind? Ich muss mich erkundigen, ob solche Fälle schon entschieden wurden.

Eines noch hat mir Murat gesagt: „Mit Rechten kommen auch Pflichten. Das war mir bewusst, als ich den Antrag auf Einbürgerung gestellt habe. Ich bin dankbar für die Rechte und fühle mich verantwortlich, die Pflichten zu erfüllen. Ich möchte aber nicht gedrängt werden, aus Dankbarkeit an der Front töten zu müssen. Die schon als Deutsche geboren wurden sollten doch auch dankbar sein für ihre Staatsbürgerschaft. Und sie fühlen sich frei, den Antrag auf KDV zu stellen. So frei will auch ich sein.“

Veröffentlich auch „Im Auftrag Jesu“ Mai 2026

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