Besuch der Living Letters in Berlin
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Eine Woche lang besuchte eine international besetzte Delegation vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) im Rahmen Ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt als einer von 60 weltweit geplanten Teamvisits Deutschland. Die Delegierten waren: Thomas Yonker (Disciples of Christ, USA), Aikaterini Pekidrou (Griechisch-Orthodoxe Kirche, Griechenland), Janette Bächthold Ludwig (Lutherische Kirche, Brasilien), Sabine Udodescu (Mitglied des ÖRK-Stabs), Georgos Lemopoulos (stellv. Generalsekretär des ÖRK), Bernard Ntahoturi (anglikanischer Bischof, Burundi). Vom 1.-3.Juli 2008 war die Delegation zu Gast in Berlin. Eindrücke sind im folgenden zu lesen. Fotos sind in der Rubrik „Bilder“ zu finden.
Dienstag, 1. Juli 2008
ANKUNFT IN BERLIN
Nachdem der ICE aus Hannover planmäßig um 15.08 Uhr am HBF Berlin ankam, begann der „Dienst“ unseres Fahrers, Herrn Grunenberg, gleich mit der stadtbekannten kniffligen Aufgabe, eine Gruppe von Menschen am HBF mit dem Auto abzuholen – trotz nicht vorhandener Park- und Halteplätze. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an das Diakonische Werk Teltow-Fläming mit seinem Geschäftsführer Holger Lehmann für die Bereitstellung eines Kleinbusses samt Fahrer Herrn Grunenberg!
GESPRÄCHSTERMIN IM BUNDESMINISTERIUM FÜR VERTEIDIGUNG (BMV)
Knapp, aber pünktlich kam die Gruppe dann im Bundesministerium für Verteidigung zum Gespräch mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Christian Schmidt an, wo schon David Gill (stellvertretender Bevollmächtigter der EKD am Sitz der Bundesregierung) und Prof. Dr. Konrad Raiser auf die Delegation warteten. Ein herzliches Dankeschön an David Gill, der diesen Gesprächstermin vermitteln konnte und an Konrad Raiser, der mit seiner umfassenden Erfahrung in der „Welt der Ökumene“ an der Programmerstellung maßgeblich beteiligt war.
Der Journalist Gerhard Baum verfasste im Auftrag des ÖRK folgenden Bericht zu dem Termin der Delegation im BMV:
ÖRK-TEAM KONFRONTIERT DEN "EUROPAMEISTER IM WAFFENEXPORT" DEUTSCHLAND MIT FRAGE NACH DEM SINN VON KRIEGEN Fragen des deutschen Waffenexports und ob Kriege wie der im Irak überhaupt Probleme lösen können, sprachen Mitglieder einer Delegation des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) am Dienstagabend beim Besuch im deutschen Bundesverteidigungsministerium in Berlin an. Gesprächspartner war der Parlamentarische Staatssekretär Christian Schmidt (CSU). Deutschland ist eines der ersten Länder, in das der ÖRK, der 349 Kirchen weltweit vereint, "lebendige Briefe" schickt, um mit Einheimischen Erfahrungen über Gewaltlosigkeit auszutauschen. Dazu gehörte auch das Gespräch im Berliner Ministerium. "Muss Deutschland Champion der EU im Waffenexport sein?", fragte Erzbischof Bernard Ntahoturi von der anglikanischen Kirchenprovinz im afrikanischen Burundi und verwies auf die immer größer werdenden Waffenexporte in der Welt. Er erinnerte an den Völkermord in seinem Heimatland, an kriegerische Auseinandersetzungen im Sudan, in Zimbabwe, Somalia, im Kongo. Diese Bürgerkriege würden mit Waffen geführt, die nicht aus Afrika stammen. Schon ein Bruchteil der dafür aufgewendeten Summen könne helfen, in Afrika Krankheiten wie Malaria oder große Armut vieler Bevölkerungsteile zu bekämpfen. Staatssekretär Schmidt erklärte die hohe Summe des Waffenexports mit teuren in Deutschland hergestellten Waffen wie U-Booten, Schiffen und Flugzeugen. Der allergrößte Teil exportierter Waffen gehe an Verbündete im Nordatlantikpakt. Das deutsche Kriegswaffenkontrollgesetz untersage ausdrücklich, Waffen in Krisengebiete zu liefern. Das gelte selbst für die Weitervergabe. "In unseren Verträgen steht eine Endverbrauchsklausel." Deutschland habe zudem dem internationalen Verbot der Streubomben zugestimmt.Konrad Raiser, früherer ÖRK-Generalsekretär (bis Ende 2003), verwies darauf, dass in Afrika gerade Kleinwaffen das Problem seien. Diese Waffen von der Pistole bis zur Kalaschnikow würden in großen Mengen in afrikanische Länder geschmuggelt und seien für den Tod Hunderttausender Menschen verantwortlich. Der Berliner Staatssekretär sieht dieses Problem auch und sprach sich für erheblich mehr Kontrolle aus. Georges Lemopoulos, stellvertretender ÖRK-Generalsekretär, erinnerte an den Irakkrieg und fragte, ob die Lage der Menschen dort nicht insgesamt schlechter geworden sei. Als Mitglied des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel [Türkei] verwies er auf dramatische Zustände in Flüchtlingslagern Syriens. Offenkundig sei die Verdrängung von Christen aus Nahoststaaten, nicht nur aus Irak, eine Folge dieses Krieges. Schmidt erwiderte, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wolle Irakflüchtlinge in Deutschland aufnehmen; natürlich sei das nicht die Lösung des Problems. Für Deutschland sei nicht Irak das Hauptproblem im Nahen Osten sondern Iran, so Schmidt. Wenn Irans Präsident Ahmadinedschad Israel von der Landkarte verschwinden lassen wolle, könne Deutschland nicht schweigen. "Israels Existenzrecht ist deutsche Staatsräson." Ebenso gehöre aber zur Staatsräson, mögliche Gegner zu Verhandlungen zu bewegen und zu vermitteln zu suchen.Thomas Yonker, Jünger Christi aus den USA, jüngstes Mitglied der ÖRK-Delegation, bedauert, dass von seinem Land Krieg ausgehe und hofft, das werde sich bald ändern. Ihn erinnerte Staatssekretär Schmidt daran, dass aus den USA auch erfreulichere Dinge gekommen seien wie vor sechzig Jahren die "Rosinenbomber", die die sowjetische Blockade Berlins durchbrachen. Schmidt distanzierte sich aber klar von den Zuständen im US-Lager Guantanamo auf Kuba. Hier habe Amerika mit Folterungen eine Grenze überschritten, über die Deutschland nicht gehen werde. Frankfurts Polizeikommissar, der dem Entführer eines Jungen Folter androhte, habe seinen Arbeitsplatz verloren. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte habe dieses Folterverbot am Vortag in einem Urteil ausdrücklich bestätigt.
Leider reichte die Zeit nicht aus, um alle Fragen, die im Vorfeld des Termins aufgekommen waren, zu behandeln. Die bilinguale Verständigung raubte mehr Zeit als erwartet. So gingen die zuvor brieflich angekündigten Schwerpunktfragen zur Konversion der Bundeswehr, zum erweiterten Sicherheitsbegriff, zu R2P (Responsibility to protect) nicht in die erhoffte Tiefe. Die Anfrage, wie die Tatsache, dass Christian Schmidt als Christ und engagiertes Kirchenmitglied die Funktion als Parl.Staatsekr. ausübt, seine Arbeit und ihre Inhalte beeinflusst, konnte leider nicht mehr behandelt werden. Anzumerken ist, dass das BMV der Delegation einen erstaunlich langen Zeitraum von knapp 90 Minuten anberaumt hatte – eine Spiegelung dessen, wie wichtig dem Parl.Staatssekr. dieser Termin zu sein schien.
ÖKUMENISCHER EMPFANG IM MENNO-HEIM
Die Heilsarmee hatte sich dankenswerterweise dazu bereit erklärt, ein Büfett für den Ökumenischen Empfang bereitzustellen. Die Berliner Mennoniten-Gemeinde stellte ihre Räumlichkeiten für die Veranstaltung zur Verfügung. Nach der offiziellen Begrüßung durch den Vorsitzenden des Ökumenischen Rats Berlin-Brandenburg (ÖRBB), Dekan J.Urbisch, dem Gruß der Delegation durch den anglikanischen Erzbischof Bernard Ntahoturi (Burundi), einer kurzen Darstellung der Rolle des Menno-Heims im sogenannten Kalten Krieg durch H. H. Krüger und einer kurzen Übersicht der Arbeit des MFB durch dessen Leiterin Pastorin Martina Basso, wurde das Büfett eröffnet. Dank des schönen Sommerwetters wurde der Garten zu gemeinsamem Essen und Gesprächen ausgiebig genutzt. Die anschließenden Gespräche an den 4 verschiedenen „Thementischen“ wurden mit unterschiedlicher Lebhaftigkeit geführt.
ModeratorInnen und Thementische:
1) Erfahrungen und Arbeit des Rats Afrikanischer Christen in Berlin-Brandenburg (Pastor Peter Sorie Mansaray, RACiBB)
2) Initiativen zur Dekade in der Region (Rev. Lisa K.Smith, Geschäftsführerin des Dekade-Ausschusses der EKBO)
3) Die Beziehungen zwischen Islam und Christentum (Pfarrerin Dr. Gerdi Nützel, evangelische Referentin im ÖMI)
4) Armut in Deutschland (Frau Freudenberg und Herr Riedel, ACK Mecklenburg-Vorpommern)
Ein Gebet, abwechselnd in deutsch und englisch von Prof. Dr. K. Raiser gesprochen, das Beten des Vaterunsers in den unterschiedlichsten Muttersprachen und eine Segensbitte schlossen das offizielle Programm ab.
Mittwoch, 2. Juli 2008
Treffen im Büro des VEF-Beauftragten am Sitz der Bundesregierung
Der stellvertretende Bevollmächtigte der EKD am Sitz der Bundesregierung, David Gill, stellte sich nun selbst erfreulicherweise als Gesprächspartner zur Verfügung. Prälat Jüsten ( Katholisches Büro der Deutschen Bischöfe) bat Jörg Lüer, Generalsekretär der Europäischen Konferenz Justitia et Pax für das Katholische Büro am Gespräch teilzunehmen, was dieser freundlicherweise auch sehr informativ tat. Dazu kam der Gastgeber, der Beauftragte der Vereinigung der Evangelischen Freikirchen (VEF) am Sitz der Bundesregierung, Pastor Peter Jörgensen, dem ich an dieser Stelle ganz herzlich für seine Gastfreundschaft danken möchte.
David Gill und Jörg Lüer stellten bei ihrer jeweiligen Vorstellung ihrer Arbeit die gemeinsamen Aktionen in den Vordergrund, verschwiegen aber nicht, dass EKD und Katholische Bischofskonferenz an bestimmten Stellen unterschiedliche Wege gehen (siehe jüngst bei Fragen zur Stammzellenforschung). Die Anfrage, inwieweit das jeweilige Bischofswort bzw. die EKD-Denkschrift zum gerechten Frieden konkret umgesetzt werden in den jeweiligen Verlautbarungen zur bundesdeutschen Friedens-, Rüstungs- und Militärpolitik, um damit glaubwürdige Beiträge auf dem Weg zur Friedenskonvokation 2011 liefern zu können, brachte die zahlreichen kritischen Anfragen zur Umsetzung von Denkschriften und Bischofsworten auf den Punkt. Der erste gemeinsame Vorstoß vom VEF-Beauftragten und dem MFB im Februar 2008 mit einem offenen Brief bezüglich der Aufstockung der Bundeswehrtruppen in Afghanistan würde sicher in einem zukünftigen multilateralen Miteinander konstruktive Fortsetzungen um das Bemühen, dem Friedensauftrag der Kirchen Gehör zu verschaffen, finden können. Es wäre zumindest ein sichtbarer und konkreter Anfang von einer bilateralen zu einer multilateralen Ökumene.
Hohenschönhausen
Herzlich sei der Christusgemeinde Hohenschönhausen (Mitglied im Ökumenischen Arbeitskreis der Freikirchen, ein Ausschuss des ÖRBB) für ihre Gastfreundschaft und Beköstigung – sowohl zum Mittagsimbiss als auch zu Kaffee und Kuchen - gedankt. Ganz in der Nähe der Gedenkstätte Hohenschönhausen gelegen, war dies eine willkommene Gelegenheit, der Delegation einen weiteren Einblick in die ökumenische Vielfalt Berlin-Brandenburgs zu ermöglichen.
Nach einer Führung durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen durch einen ehemaligen Insassen des Stasi-Gefängnisses hatte die Delegation Gelegenheit, mit Pfarrer Ehrhart Neubert (Erfurt) über die kirchliche Situation in der ehemaligen DDR ins Gespräch zu kommen.
Die Frage einer jungen Delegierten danach, wie es möglich ist, dass Menschen einander Unmenschliches antun, ist eine Frage, die alle auf unterschiedlichen Ebenen bewegten.
In der Griechisch-Orthodoxen Gemeinde (Konstantinopel) Berlin
Die griechisch-orthodoxe Gemeinde bereitete MEET (MORE ECUMENICAL EMPOWERMENT TOGETHER), einer Gruppe von jungen ÖkumenikerInnen, und der Delegation einen herzlichen und warmen Empfang – ein reich gedeckter Tisch und ein prall gefüllter Grill erwarteten die Gäste. Ein herzliches Dankeschön an alle HelferInnen und an Archimandrit E. Sfiatkos, der neben der Arbeit auch die Hälfte der angefallenen Kosten übernimmt. Der Austausch zwischen den Generationen und Nationen gestaltete sich in lockerer Atmosphäre als anregend und erfrischend für alle Beteiligten. So entstanden neue Ideen für die weitere zukünftige Zusammenarbeit sowohl zwischen MEET und dem ÖRBB als auch auf internationaler Ebene. Reich beschenkt, nicht nur mit geistigen und geistlichen Gaben, trat die Delegation die Busfahrt ins Hotel an.
DONNERSTAG, 3. Juli 2008
Gemeinschaftsprojekt Niedergörsdorf / Altes Lager
Nicht nur die Hauptstadt Berlin sollte eine Rolle spielen, auch ein Projekt im Land Brandenburg erlebte die Delegation. Nach der Anreise mit dem Regionalexpress bis Jüterbog und der Abholung durch den nun schon vertrauten Fahrer Herrn Grunenberg erwartete die Delegation ein reich gedecktes, internationales Frühstücksbüfett – ein herzliches Dankeschön an die Christliche Glaubensgemeinschaft. Neben Andrea Schütze, der ehemaligen Bürgermeisterin von Niedergörsdorf, Irina Titov, der Vorsitzenden der Christlichen Glaubensgemeinschaft (CGG), Reinaldo Dyck, dem Prediger der CGG, Eckhard Korthus, dem Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Niedergörsdorf, berichtete Holger Lehmann, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Teltow-Fläming und des Gemeinschaftswerks, über die gemeinsamen Bemühungen seit 1993, Spätaussiedlern eine neue Heimat zu schaffen – sei es durch Arbeitsbeschaffungsprojekte, sei es durch eine geistliche Heimat. Beim anschließenden Rundgang durch die Werkstätten gab es ein beeindruckendes Beispiel von „Schwertern zu Pflugscharen“: Jahrzehnte alte Balken, die noch aus der Zeit der militärischen Nutzung des Flughafens durch das Nazi-Regime stammten, wurden nun dazu genutzt, Gartenmöbel aus Holz herzustellen. Auf die skeptische Frage nach einem langfristigen Erfolg der gemeinschaftlichen Bemühungen um die Menschen in Niedergörsdorf konnte ich persönlich nur antworten, dass ich mindestens 3 mal in den vergangenen 10 Jahren ein endgültiges Scheitern des Projekts vorhergesehen habe – es aber immer wieder unvermutet und überraschend weiterging.
Abschied
Auf dem Bahnhof Berlin-Südkreuz ging die Fahrt am Mittag weiter zur letzten Station der Living Letters – nach Dresden. Kaum kennengelernt, fiel mir der Abschied nach diesen beiden ereignisreichen Tagen nicht leicht – so viel wäre noch auszutauschen gewesen, so viel hätten wir noch miteinander in Berlin erleben können. Ich bin sehr froh, dass mir die Ehre zuteil wurde, diesen Besuch mit vorzubereiten und bin sehr gespannt auf den Bericht der Living Letters, auf ihre Wahrnehmung von Deutschland und den spezifischen Gegebenheiten. Für die zwei Tage in Berlin-Brandenburg möchte ich zum Schluss lediglich das biblische Motto der Teamvisits zitieren, das da lautet:
„Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.“ (2. Korinther 3, 3)
